„Serendipity ist die vom Schicksal gewährte Gunst, unerwartete Entdeckungen zu machen –
eine Gunst, die jedoch nur jene erfahren, deren Geist und Sinne dafür offenstehen.“



 

Hängt die Welt am Lusterhaken?

Martin Traxl

Der Anfang aller Kunst ist das Schauen. Beobachten und begreifen, suchen und sammeln, zerlegen und zusammensetzen sind die grundlegenden Tätigkeiten des Künstlers, ehe es an den eigentlichen schöpferischen und handwerklichen Prozess geht. Bilder erzeugen Bilder, Ausschnitte aus der Realität schaffen Kopfgeburten, neue Perspektiven, andere Wirklichkeiten. Das genaue Hinschauen, das Auskundschaften der Welt und das Verschieben von Betrachtungswinkeln sind essentiell für das Kunstschaffen von Richard Kaplenig. Sein Blick auf Alltagsszenen und Gebrauchsgegenstände zeitigt überraschende Kompositionen, die dem Banalen Bedeutung oder gar Bedrohlichkeit verleihen. Kaplenig geht dem Wesen der Dinge auf den Grund und betätigt sich dabei als Raumforscher. Objekte treten durch ihre überdimensionale Darstellung in eine neue Beziehung zum Raum, der sie umgibt. Oder sie schaffen den Raum selbst. Die Stromkabel und Halteseile einer Verkehrsampel ergeben ein grafisches Muster und bilden mit ihren Linien Räume, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ein riesiges Winkeleisen wird zum architektonischen Statement. Eine Glühbirne schwebt wie ein Raumschiff durchs All. Der Löffel eines Riesen ist im Buchstabennebel verloren gegangen. Ein gewaltiger Lusterhaken möchte die ganze Welt tragen − hätte ein gigantischer Trichter sie nicht schon längst verschluckt.

 

Die Lust am Ausloten von Raum und Räumlichkeit mag mit dem Interesse Kaplenigs an sprachlichen und kulturellen Räumen zu tun haben. Vor allem deren Grenzen und Überschneidungen sind ein ständig wiederkehrendes Thema. Durch die Ansiedelung in einem zweisprachigen Gebiet entstand in Kaplenig ein erhöhtes Bewusstsein für das Gemeinsame und Trennende von Sprache und Herkunft. Das gibt seinem Werk auch eine politische Dimension. Übermalte Landkartenfetzen bringen zum Ausdruck, dass in seiner Kärntner Heimat das Nebeneinander immer noch mehr wiegt als das Miteinander. Ein wie zufällig hingeworfener Kreis verbindet den slowenischen Nationalpark Triglav mit der Kärntner Gemeinde Finkenstein und wird zum sehnsüchtigen Ausdruck der Gemeinsamkeit, aber auch zum Hinweis darauf, dass die Grenzen nicht nur durch die Berge, sondern auch durch die Köpfe gehen. Das ist auch der Grund dafür, warum das Projekt einer großen Skulptur im öffentlichen Raum zum Thema Zweisprachigkeit bis heute nicht verwirklicht werden konnte. Kaplenig hatte vor Jahren ein Objekt geplant, das Kärntner Ortsnamen in slowenischer und deutscher Sprache in sich vereinen sollte − also eine künstlerische Verwirklichung dessen, was in der Politik über Jahrzehnte unrealisierbar schien. Die Vertreter von Kaplenigs Heimatgemeinde fanden den Entwurf zwar interessant, fürchteten aber den Volkszorn und rechneten damit, für eine solche Skulptur einen permanenten Wachdienst zu benötigen. Und das im 21. Jahrhundert.

 

Vielleicht hätte der Künstler gut daran getan, gleich noch ein paar italienische Namen einzuflechten, denn das wurde kurze Zeit später zur politischen und touristischen Mode: die Dreisprachigkeit der Region zu betonen, um die Zweisprachigkeit zu übertünchen. „Senza confini“ war fortan das Zauberwort, wobei es hier aber vor allem um die Bildung eines neuen Wirtschaftsraumes und die Bewerbung sportlicher Großveranstaltungen ging und weniger um die Rückbesinnung auf das einzigartige Gemenge aus slawischen, romanischen und germanischen Kulturen. Diese Überschneidungen und Vermischungen, die sich in Sprachen und Speisen, Mentalitäten und Stilen bemerkbar machen, bilden den eigentlichen Zauber dieses Dreiländerecks. Dass jahrzehntelang auf eine Politik der Abgrenzung und Deutschtümelei gesetzt wurde, anstatt aus dem vorhandenen kulturellen Reichtum zu schöpfen, ist die Ursache für das Trauma Kärntens. Künstler wie Richard Kaplenig fühlen daher den Drang, diese Räume neu zu denken, ihre persönlichen Landkarten zu entwerfen, visionäre Welten zu erschaffen, deren Faszination auf Vielfalt und Verschiedenartigkeit beruht.

 

Landkarten tauchen immer wieder auf in Kaplenigs Werk, aber auch Stadtpläne, Namensregister, Postleitzahlen. Das Prinzip der Verortung scheint ihm wichtig zu sein. Das Festmachen von Eigenheiten jener Städte und Länder, die er bereist und bewohnt hat. Das Erspüren von Vibrationen eines Ortes, das Aufnehmen eines Rhythmus, der überall ein wenig anders ist. Formal gibt ihm das die Möglichkeit, verschiedene Ebenen und Gestaltungselemente miteinander zu verbinden − Schriftzüge, Fragmente, Zahlen, abstrakte Flächen, Figuratives. In früheren Arbeiten hat auch die Verwendung unterschiedlicher Materialien eine große Rolle gespielt − Metall, Papier, rostige Drucktafeln, Leinen gehen ungewöhnliche Symbiosen ein.

 

Auch durch die Verbindung von Materialien und Formen bewegt sich Kaplenig in einem Grenzbereich. Der Übergang von konkreter Bildsprache zur Abstraktion ist sein bevorzugtes Forschungsgebiet. Und die Untersuchungsmittel werden immer reduzierter. Symbole und Schriftzeichen verschwinden mehr und mehr in diffusen Farbflächen, in den Vordergrund rückt die reine Malerei. Das ist es, was Kaplenig in jüngster Zeit am meisten beschäftigt und fasziniert − der pure malerische Prozess, Öl auf Leinwand und sonst nichts. Meisterschaft in der Malerei. Denn es gehört einiges dazu, einen Trichter oder ein Apothekerfläschchen zu einem Monstrum anwachsen zu lassen, ohne in die karikaturhafte Verzerrung abzugleiten. Die Vergrößerung des Kleinen und Nebensächlichen, die extreme Nahaufnahme des Objekts, das Aufblasen bis zur Kenntlichkeit öffnet das Tor ins Universum, macht den Kosmos spürbar und lässt Schlimmes befürchten: Am Ende hängt die Welt tatsächlich an einem Lusterhaken.