„Serendipity ist die vom Schicksal gewährte Gunst, unerwartete Entdeckungen zu machen –
eine Gunst, die jedoch nur jene erfahren, deren Geist und Sinne dafür offenstehen.“



Ein malerisches Netz aus Menschen, Formen und Farben
Als Modell in Eva Hradils Atelier 

Günther Oberhollenzer 

„Sie haben keine Zeit. Das ist mir klar. Das muss förmlich so sein. Dennoch sende ich Ihnen diese Anfrage.“ Mit diesen Worten beginnt eine ungewöhnliche E-Mail-Nachricht, die ich von Eva Hradil im Frühsommer 2014 in meinem Posteingang vorfinde. Ich solle ihr Modell sein, so die Künstlerin weiter, denn sie plane ein Gruppenbildnis mit insgesamt 21 Menschen. Einzeln bittet sie Menschen aus ihrem Umfeld in ihr Atelier – langjährige Freunde genauso wie Zufallsbekanntschaften. „Wie wäre es, für ein paar Stunden am Entstehungsprozess eines großformatigen Bildes nicht nur dabei zu sein, sondern Teil dessen zu werden?“ Meine Neugierde ist geweckt. Ich nehme die Einladung an.

Hradils Atelier befindet sich im 10. Wiener Gemeindebezirk in einem alten Backsteingebäude. Ich komme zu spät, was mir unangehm ist, ich bin etwas gestresst. Doch dann trete ich ein und fühle mich sogleich wohl: Der etwas verwinkelte Raum ist groß, die Wände sind hoch, und durch die ausladenden Fenster fällt Tageslicht herein. In den Regalen stapelt sich Bild an Bild, es riecht nach frischer Farbe, im Hintergrund spielt leise Musik. Nahe am Fenster lehnen drei große, weiß grundierte Leinwände, Pinsel und Farben stehen griffbereit, davor sind auf einem ausladenden Tisch allerlei Köstlichkeiten vorbereitet. Die Begrüßung ist herzlich und dann wird zuerst einmal gegessen und getrunken, geplaudert und gelacht. Der Übergang zur Arbeit gestaltet sich fließend. Ich könne mir meine Porträtposition selbst auswählen, so Hradil. Auf dem vierteiligen Bild sind schon einige Menschen verewigt: stehend, sitzend, liegend. Ein, zwei der Dargestellten glaube ich zu erkennen. Ich entscheide mich zu stehen. Der Blick auf die Leinwand ist frei, ich kann der Künstlerin beim Arbeiten über die Schulter schauen. Hradil bereitet die Farben vor, sie malt in Eitempera, eine in der zeitgenössischen Malerei leider nur mehr selten zur Anwendung kommende Technik. „Natürlich selbst angerührt“, wie sie mit Nachdruck feststellt. Mit Eitempera ist es möglich, in feinen, transparenten Schichten zu malen, das Kolorit wirkt oft zart verwaschen, ja schmutzig und schöpft gerade daraus seinen Reiz – ein Umstand, der Hradils Malweise sehr entgegenkommt. „Farben sind bei mir immer viele Farben, Mischfarben und keine monochromen Farben“, so die Künstlerin. Nach kurzer Nachdenkpause beginnt sie zu malen – ohne Vorzeichnung, wie ich überrascht feststelle. Langsam entstehen, beinahe in Lebensgröße, Kopf und Körperform. Hin und wieder wischt sie korrigierend etwas Farbe weg, überarbeitet eine für sie nicht stimmige Form. Die Künstlerin kommt recht rasch voran, wir unterhalten uns dabei angeregt weiter. diskutieren über die Malerei und was sie in der heutigen Zeit noch bedeuten kann.

Hradil ist, so ist mir bald klar, eine leidenschaftliche und authentische Malerin, die in diesem Medium unzweifelhaft ihre künstlerische Bestimmung und Ausdrucksweise gefunden hat. Sie arbeitet nur vor dem Original. „Ich will nicht Fotos, nicht nur die Oberfläche malen, sondern einen lebendigen Menschen – und ihn spüren, seine Energie einfangen.“ Ihre Menschen erscheinen unperfekt, manchmal auch etwas ungelenk, geht es doch weniger um eine lebensgetreue Abbildung denn um eine grundsätzliche Haltung, weniger um strenge Perfektion denn um das Festhalten von bewusst gefühlter Zeit und den inspirierenden Momenten, die die Künstlerin mit ihren Modellen teilt. Meine Körperformen nehmen inzwischen langsam Gestalt an. Das Gesicht wirkt etwas verzogen, so als ob ein Teil verronnen ist, die Körperhaltung, meine typische Pose beim Stehen, ist gut getroffen.

Immer wieder beschäftigt sich Hradil in ihren Bildern mit Beziehungen. Sie versteht diese in einem doppelten Wortsinn: Einerseits interessiert sie sich für die vielschichtigen menschlichen Vernetzungen, auch für die emotionalen Verbindungen zu alltäglichen Gegenständen, andererseits reizt sie der malerische Prozess mit seinen facettenreichen Möglichkeiten, das Verweben, Überlagern und Überlappen von (Körper-)Formen darzustellen. Einem „Menschengewebe“ gleich werden Teile der dargestellten Körper durch andere übermalt, abwechselnd sichtbar belassen oder unsichtbar gemacht. „Mir macht es Spaß, dass ich einen eigenen Raum erzeugen kann, einen malerischen Raum, der keine Entsprechung in unserer Realität hat.“ Damit trifft Hradil einen zentralen Punkt. Malerei ist nie Abbild von Wirklichkeit, sie ist Erschaffung einer eigenen Wirklichkeit. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Malerei in der Aufgabe der Dokumentation von Wirklichkeit durch die Fotografie abgelöst. Das Interesse verlagerte sich vom Motiv auf die Malweise. Cézanne oder Manet fassten das Bild nicht mehr als Fenster zur Welt auf, auf der ebenen Fläche wird kein dreidimensionaler Raum vorgetäuscht. Das Bild ist vielmehr ein zweidimensionales Feld, in dem die Ordnung von Formen und Farben relevant ist. So auch bei Hradil: Sie will nicht die Illusion von Realität erzeugen, sondern weiß um die Eigengesetzlichkeit des Mediums Malerei und schafft eine neue Wirklichkeit, eine eigene Realität parallel zur Welt. Figurative Formen wie Mensch, Sessel oder auch Schuhe können dabei zu „Platzhaltern“ für formale Fragen werden, für den Dialog von Flächen, Zeichen und Strukturen. „Ich kann konkrete Formen nutzen, um abstrakte Bilder daraus zu malen.“ Die Motivauswahl ist oft trivial und entscheidet sich auch aufgrund der Verfügbarkeit: Sessel gebe es nun einmal im Atelier, so die Künstlerin, also habe sie sie immer wieder gemalt, zusätzlich liebe sie die Rücken- und Armlehnen, da diese den Hintergrund in vielfältige Flächen zerteile. Hradil lotet gekonnt die Grenzen zwischen Malerei und Grafik aus, das wild wuchernde Gestische verschränkt sich mit dem flächig Lasierenden. Sie experimentiert mit Motiven, spielt mit Negativformen, lässt den Hintergrund zum Vordergrund werden. Immer wieder arbeitet sie auch im Stil der Collage. So verwebt sie etwa Zitate der schwedischen Landschaft und Vegetation zu einem kartografisch anmutenden Gitternetz (To be part of, 2009) oder transformiert gefundene Stoffreste ihrer Großmutter zu einer, wie sie es nennt, „Parkanlage“ mit Wegen, Teichen und Plätzen (Omage, 2014).

Die Sitzung ist zu Ende, ein Menschenbild mehr bevölkert die Leinwand. Ich erkenne mich ganz gut wieder, auch wenn das, so vermute ich, gar nicht so wichtig ist. Noch viele weitere werden folgen. Ich verabschiede mich, verlasse nach einigen Stunden diesen so kreativen und inspirierenden Raum und bin glücklich, dass ich mir die Zeit des Innehaltens genommen habe. Monate später sehe ich das fertige Bild, dessen Arbeitstitel „21 Menschen“ Eva Hradil beibehalten hat, obwohl in der Menschenlandschaft schließlich 27 Protagonisten Platz gefunden haben, wild durcheinander gewirbelt und gleichzeitig doch statisch ineinander verwoben, so als ob sie ineinander verkeilt wären und sich gegenseitig halten oder stützen würden. „Ein großes Bild mit vielen Menschen bekommt etwas Allgemeingültiges, mehr als ein einzelnes Porträt“, so Hradil. Aus den vielen Einzelpersonen hat sie ein großes Ganzes erschaffen. Es gibt kein Zentrum, keine Mitte oder (Bedeutungs-)Perspektive. Jede, jeder ist gleich. Auch Teile meines Körpers sind verschwunden – übermalt, durch ein Becken, einen Arm oder ein Bein eines mir nachgefolgten Modells. Und ich stehe kopf. Ich muss schmunzeln. Nun bin ich mit all diesen Menschen verbunden. Die meisten kenne ich nicht, aber wir teilen eine gemeinsame, wohl einmalige Erfahrung.