„Serendipity ist die vom Schicksal gewährte Gunst, unerwartete Entdeckungen zu machen –
eine Gunst, die jedoch nur jene erfahren, deren Geist und Sinne dafür offenstehen.“



Abstrakte, meisterliche Wandgemälde

Gerhard Zeillinger


Im Künstlerhaus sind Christoph Lugers großflächige Bilderwelten zu sehen: kühne Experimente auf fragilem Papier, nüchterne Formensprache, und doch ein klassischer Gestus.


Seit einigen Jahren präsentiert das Kunstprojekt „Serendipity“ bildende Künstler, „die in Fachkreisen und von Kunstfreunden schon lange geschätzt werden“. Der Unternehmer und Kunstsammler Georg Folian verfolgt damit ein Programm, das so still wie außergewöhnlich daherkommt: eine Idee in den Raum stellen, die sich womöglich anders entwickelt und das Erwartete übertrifft. Natürlich: gute Kunst kennt mehr als Erwartung.
 2010 war das Projekt Jakob Gasteiger gewidmet, heuer ist der in Wien lebende, aus Bregenz stammende Maler Christoph Luger mit seinen großflächigen Papierarbeiten im Künstlerhaus vertreten. „Serendipity“, so lautet die Definition, „ist die vom Schicksal gewährte Gunst, zufällige Entdeckungen zu machen.“
 Doch Christoph Luger ist alles andere als ein Zufall. 1990 wurde er mit dem Otto-Mauer-Preis ausgezeichnet, seither ist der heute 54-Jährige ein guter Geheimtipp, still und beharrlich. Erfolgsträchtigen Strömungen, wie es gerade damals die Neuen Wilden waren, hat er sich nie zuordnen lassen. Seine Arbeiten – fast ausschließlich auf großflächigen, zusammengefügten Papierstreifen – sind in ihrer Art einzigartig, vielleicht waren sie zunächst auch nicht so leicht zugänglich und wohl auch nicht schnell vermarktbar, heute haben sie längst Meisterniveau.
 Was auf den ersten Blick wie zerbrechliche, aus verschiedenen Streifen und Schichten zusammengekleisterte riesige Papierflächen aussieht, teilweise durchlöchert, an den Rändern aufgerollt und eingerissen, sind dennoch höchst widerständige Artefakte, die sich nur schwerlich in einen Rahmen und unter Glas fügen lassen. Eigentlich sollten sie so an die Wand fixiert werden, wie sie dort auch entstanden und als was sie ursprünglich entwickelt worden sind: zunächst Papierobjekte, dann Bilder.
 Bei Luger ist bereits der Malgrund ein Unikat: Noch vor dem eigentlichen Malakt, eine erste Intervention in das Angedachte, entstehen unverwechselbare Landschaften aus Papier, deren verletzbares Relief mit Leimfarben beschichtet wird. Mit dem Verarbeiten des Papiers schafft Luger zugleich jene Struktur, die seiner Malerei die Richtung gibt: in einen abstrakten Raum, der sich dem Anspruch des Endgültigen, der Perfektion zu widersetzen versucht. Luger arbeitet bewusst mit dem fragmentarischen Charakter, das Fertige, Vollendete ist ihm verdächtig. Kunst darf nichts Vollkommenes sein, sie trägt vielmehr ihre Verletzbarkeit zur Schau und beweist in dem scheinbar Fragilen dennoch unerhörte Substanz. Seine Arbeiten sind oft wie wiederentdeckte Fresken, die das Wichtige gerade noch sichtbar machen. Dabei kann die Information bloß ein strukturiertes Farbfeld sein, auf den ersten Blick Dekor, aber nicht zufällig.
 Christoph Luger hat an der Akademie bei Max Melcher und Josef Mikl studiert, mit Letzterem, der seine Arbeiten besonders geschätzt hat, verband ihn eine Künstlerfreundschaft – und vielleicht auch der barocke Gestus, der bei Luger diszipliniert, sachlich, oft ganz still ist, manchmal aber auch impulsiv und bunt sein kann.
 Die Atelierwand ist eine lebendige, pastellig-kraftvolle Projektionsfläche. Keiner versteht es so sehr mit dem Medium Wand zu arbeiten. Lugers abstrakte Formen, die meist der Wirklichkeit abgeschaut sind, entstehen auf an die Wand getackerten, collagierten Papierstreifen, die nach mehreren Malprozessen als fertiges Bild vorsichtig abgenommen werden. Das Ergebnis sind vielschichtige, mobile Wandgemälde, scheinbar leicht, fast schwerelos, aber auch selbstbewusst, unbescheiden gegenüber dem Konsumenten. Wenn Christoph Luger sagt, dass er das dekorative Malen liebt, dann werden viele ihn vielleicht falsch verstehen. Umso mehr sind seine Arbeiten erst recht im Rahmen einer solchen Ausstellung eine Herausforderung für den Betrachter.
 „Serendipity“ ist im Englischen nicht nur die Entdeckung, der glückliche Zufall, es meint auch den Spürsinn. Und den hat dieses Projekt auch deutlich unter Beweis gestellt. Sehr subtil und großzügig zugleich hat sich die Kuratorin Christine Janicek auf die sensiblen, eigenwilligen Arbeiten Lugers eingelassen und mit dieser Werkschau, ein echter Big Point, mehrere Zugänge aufgetan. Was man unter „Serendipity“ eben versteht, wenn das Ergebnis mehr als das ist, was vermutlich geplant war.


Projekt Serendipity: Christoph Luger, Arbeiten auf Papier. Künstlerhaus Wien, 18. November bis 4. Dezember 2011.